Wenn aus Digital Musik wird – die Königsklasse der D/A-Wandler

 

Es gibt im  High End nur wenige Komponenten, über die in den vergangenen Jahrzehnten so viel diskutiert wurde wie über den Digital-Analog-Wandler. Vielleicht liegt das daran, dass seine Aufgabe auf den ersten Blick so eindeutig erscheint: Aus digitalen Daten soll wieder ein analoges Musiksignal entstehen. Einsen und Nullen hinein, Musik hinaus. Nach mehr als 35 Jahren im High-End-Geschäft und unzähligen DAC’s, die ich in dieser Zeit hören, vergleichen und in unterschiedlichsten Anlagen erleben durfte, kann ich eines sagen: So einfach ist es dann doch nicht. Ganz im Gegenteil.Je länger man sich mit digitaler Musikwiedergabe beschäftigt und je höher das Niveau der gesamten Wiedergabekette wird, desto deutlicher zeigt sich, wie entscheidend die Qualität der digitalen Wandlung für das musikalische Gesamtergebnis ist. Und gerade an der Spitze des technisch Machbaren werden die Unterschiede nicht kleiner. Sie werden interessanter.

Heute gibt es eine kaum noch überschaubare Anzahl hervorragender D/A-Wandler. Viele Hersteller verfügen über enorme Kompetenz bei Stromversorgung, Clocking, digitaler Signalverarbeitung, Filterung und insbesondere bei der analogen Ausgangsstufe. Aus einem modernen DAC-Chip lässt sich mit entsprechendem Know-how eine beeindruckende Performance herausholen. Doch wenn wir über die absolute Spitze sprechen, verschiebt sich für mich der Maßstab. Dann stellt sich nicht mehr nur die Frage, wie gut ein Hersteller einen verfügbaren DAC-Baustein implementiert. Die interessantere Frage lautet:

 

Wer entwickelt die eigentliche digitale Wandlung selbst?

Denn der D/A-Wandler ist nicht irgendein Bauteil innerhalb eines Digitalgerätes. Er ist sein Herzstück. Hier findet der entscheidende Übergang statt: Aus Information wird Spannung, aus Mathematik ein analoges Signal – und aus diesem Signal soll schließlich wieder Musik entstehen. Der überwiegende Teil des Marktes greift dafür auf hochentwickelte Wandlerbausteine spezialisierter Halbleiterhersteller zurück. Namen wie Burr-Brown bzw. Texas Instruments, ESS Technology mit seinen Sabre-DAC’s, AKM mit der Velvet-Sound-Familie, Cirrus Logic oder Analog Devices begegnen einem in den unterschiedlichsten Geräten und Preisklassen. Daran ist zunächst überhaupt nichts auszusetzen. Diese Chips sind technisch außerordentlich leistungsfähig, und ihre Verwendung sagt für sich genommen wenig darüber aus, wie gut ein fertiger DAC klingt. Stromversorgung, Clock-Architektur, I/V-Wandlung, Filterung, Layout, Masseführung und analoge Ausgangsstufe können einen enormen Unterschied machen. Zwei Geräte mit demselben Wandlerchip müssen deshalb keineswegs gleich klingen.

Und dennoch bleibt ein fundamentaler Unterschied! Wer auf einen fertigen DAC-Chip zurückgreift, übernimmt zwangsläufig einen wesentlichen Teil der grundlegenden Wandlerarchitektur, die ein anderer entwickelt und definiert hat. Man kann ihr ein hervorragendes Umfeld schaffen, ihre Möglichkeiten konsequent ausschöpfen und bestimmte Parameter beeinflussen – aber das Herz des Wandlers bleibt eine zugelieferte Technologie. In der obersten Liga des Digital High End interessiert mich deshalb seit vielen Jahren besonders eine kleine Gruppe von Herstellern, die einen anderen Weg eingeschlagen hat.

 

dCS, MSB Technology, Wadax, emmLabs und CH Precision.

Fünf Namen, vier technische Philosophien und teilweise vollkommen unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage. Doch eines verbindet sie: Sie begnügen sich nicht damit, einen handelsüblichen DAC-Chip in ein möglichst aufwendiges Umfeld zu setzen. Sie investieren erhebliche Entwicklungsarbeit in eigene Wandlerkonzepte und proprietäre Signalverarbeitung – und versuchen damit, die Kontrolle über den entscheidenden Prozess der digitalen Musikwiedergabe so weit wie möglich selbst zu übernehmen. Genau hier beginnt für mich die eigentliche Königsklasse.

dCS verfolgt seit Jahrzehnten mit seinem Ring DAC eine eigene Architektur und kombiniert sie mit selbst entwickelter digitaler Signalverarbeitung. MSB Technology setzt auf seine diskreten Ladder-DAC-Module, deren Wandlung nicht in einem zugekauften Standard-DAC-Chip stattfindet. Wadax wiederum verfolgt mit seiner eigenen digitalen Architektur und extrem aufwendiger Signalverarbeitung einen Ansatz, bei dem Hard- und Software als Gesamtsystem betrachtet werden. Und auch CH Precision geht mit seiner proprietären digitalen Verarbeitung und Wandlerarchitektur einen Weg, bei dem weit mehr selbst bestimmt wird als bei einer klassischen Implementierung eines Standard-DAC-Chips. Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes Gerät mit einem proprietären Wandler besser klingen muss als jedes Gerät mit einem DAC-Chip von ESS, AKM oder Burr-Brown. Eine solche Aussage wäre zu einfach – und nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit High End auch nicht seriös.

Aber es bedeutet etwas anderes: Diese Hersteller besitzen die Möglichkeit, grundlegende Entscheidungen selbst zu treffen.

Wie werden die eingehenden Daten verarbeitet? Wie wird das Signal rekonstruiert? Welche Filterstrukturen werden eingesetzt? Wie wird mit Timing umgegangen? Wie erfolgt die eigentliche Umsetzung in ein analoges Signal? Wie eng werden digitale Verarbeitung, Wandler und analoge Ausgangsstufe aufeinander abgestimmt? Je mehr dieser Fragen ein Hersteller selbst beantworten kann, desto weniger ist er an die Philosophie eines zugelieferten Standardbausteins gebunden. Und genau das fasziniert mich an diesen vier Herstellern. Denn irgendwann geht es im High End nicht mehr darum, ob ein Gerät messtechnisch „gut genug“ ist. Das sind in dieser Klasse praktisch alle. Es geht auch nicht darum, möglichst spektakuläre Unterschiede zu produzieren. Im Gegenteil: Die wirklich großen Digitalquellen fallen häufig gerade dadurch auf, dass sich die Technik beim Hören zunehmend zurücknimmt. Der Raum öffnet sich. Instrumente bekommen Körper und Kontur, ohne künstlich umrissen zu wirken. Feine dynamische Abstufungen werden selbstverständlich. Klangfarben besitzen mehr Differenzierung. Stimmen wirken weniger reproduziert und mehr anwesend. Gleichzeitig verschwinden jene subtilen Artefakte, die uns daran erinnern, dass wir gerade einer digitalen Rekonstruktion zuhören.

Das Ziel ist letztlich paradox: Je aufwendiger die digitale Technik wird, desto weniger sollte man sie hören. Nach mehr als 35 Jahren mit High-End-Audio, nach zahllosen Geräten, Konzepten und vermeintlichen technologischen Revolutionen interessiert mich deshalb heute weniger, welcher DAC auf dem Papier die beeindruckendsten Daten liefert. Mich interessiert, welche Entwickler das digitale Problem wirklich bis in seine Grundlagen verstanden haben – und bereit waren, dafür eigene Lösungen zu schaffen. dCS, MSB, Wadax, emmLabs und CH Precision gehören für mich zu diesem sehr kleinen Kreis. Sie verfolgen unterschiedliche Philosophien. Sie klingen nicht identisch. Und gerade deshalb ist der Vergleich so spannend. Denn am Ende geht es nicht darum, welcher dieser DAC’s die meisten Bits verarbeitet, die höchste Samplingrate akzeptiert oder den beeindruckendsten Messwert liefert. Es geht um eine viel schwierigere Frage: Welcher von ihnen lässt uns am ehesten vergessen, dass zwischen der Aufnahme und uns überhaupt noch ein Digital-Analog-Wandler steht?

Genau darum soll es in diesem Vergleich gehen.

 

Fünf Hersteller – fünf Wege zum analogen Signal

Wenn wir dCS, MSB, Wadax, CH Precision und emmLabs gemeinsam betrachten, könnte zunächst der Eindruck entstehen, diese fünf Hersteller verfolgten im Grunde dieselbe Philosophie: möglichst viel selbst entwickeln, möglichst wenig von der Stange verwenden und mit enormem Aufwand die Grenzen der digitalen Musikwiedergabe verschieben.

Das stimmt – und gleichzeitig stimmt es überhaupt nicht. Denn gerade beim Herzstück eines DAC’s könnten die Wege kaum unterschiedlicher sein. Das ist für mich einer der faszinierendsten Aspekte dieser Geräte. Wir sprechen hier nicht über fünf Varianten derselben Grundschaltung, verpackt in unterschiedliche Gehäuse und versehen mit unterschiedlichen Marketingnamen. Wir sprechen über teilweise fundamental verschiedene Vorstellungen davon, wie digitale Information am besten in ein analoges Musiksignal zurückverwandelt werden sollte. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.

 

dCS – der APEX Ring DAC und die Macht der Mathematik

dCS nimmt innerhalb der digitalen High-End-Welt seit Jahrzehnten eine besondere Stellung ein. Das Unternehmen kommt ursprünglich nicht aus der klassischen HiFi-Ecke, sondern besitzt tiefe Wurzeln in professioneller Digitaltechnik. Diese Herkunft merkt man den Geräten bis heute an. Bei dCS wird das Problem der digitalen Wandlung ausgesprochen systematisch betrachtet: Signalverarbeitung, Clocking, Mapping, Filterung und eigentliche D/A-Wandlung bilden ein Gesamtsystem. Im Zentrum steht der Ring DAC. Er ist keine Variation eines handelsüblichen DAC-Chips, sondern eine von dCS entwickelte Wandlerarchitektur, die Hardware und Software eng miteinander verbindet. dCS selbst bezeichnet den APEX DAC als das Herz seiner Digitalprodukte. Das Entscheidende dabei ist die Denkweise. dCS versucht nicht einfach, digitale Worte möglichst präzise auf eine klassische Widerstandsleiter abzubilden. Stattdessen wird das Signal zunächst umfangreich digital verarbeitet und anschließend über eine proprietäre Architektur in die analoge Welt übertragen. Damit liegt ein erheblicher Teil dessen, was den Charakter und letztlich auch die Weiterentwicklung eines dCS-Wandlers bestimmt, in der eigenen Hand.

Und genau das ist ein wesentlicher Vorteil eines solchen Konzeptes: Ein Hersteller kann nicht nur Bauteile austauschen, sondern über Software, Mapping-Algorithmen und digitale Filter tief in das Verhalten des Wandlers eingreifen. Der DAC wird damit gewissermaßen zu einem System, das sich weiterentwickeln kann. Das ist eine sehr britische Form des High End: weniger romantische Vorstellung vom „magischen Bauteil“, dafür enorme Ingenieurskunst, Mathematik und die konsequente Kontrolle über den gesamten Wandlungsprozess.

 

 

MSB Technology – die Rückkehr zur Widerstandsleiter

MSB verfolgt einen völlig anderen Ansatz. Wo dCS stark über digitale Signalverarbeitung und seine proprietäre Ring-DAC-Architektur denkt, setzt MSB seit Jahrzehnten auf eine Idee, die zunächst fast klassisch erscheint: die Widerstandsleiter. Doch „klassisch“ ist hier irreführend. MSB entwickelt und fertigt seine diskreten Ladder-DAC-Module selbst. In den aktuellen DAC‘s bezeichnet das Unternehmen dies ausdrücklich als „custom designed“ und „in-house produced“. Je nach Ausführung kommen mehrere dieser Ladder-Module zum Einsatz. Das ist ein entscheidender Unterschied zu einem integrierten R-2R-Chip. Bei einer diskreten Architektur kann der Hersteller die eigentliche Wandlungsstufe aus einzelnen, extrem präzise kontrollierten Komponenten aufbauen und sie exakt auf die eigene Signalverarbeitung, Stromversorgung und analoge Umgebung abstimmen.

MSB verfolgt diese Technologie seit Jahrzehnten. Das Unternehmen beschreibt seine aktuellen Prime- und Hybrid-DAC-Module als Ergebnis einer langen Entwicklung diskreter R-2R-Wandler. Dabei ist ein weiterer Punkt besonders interessant: MSB versucht, den Signalweg nach der Wandlung so kurz wie möglich zu halten. Denn genau hier wird häufig vergessen, dass ein DAC nicht dort endet, wo aus Bits eine Spannung oder ein Strom geworden ist. Was danach passiert, ist mindestens ebenso kritisch. MSB konstruiert seine Wandler deshalb mit sehr niedriger Ausgangsimpedanz und verfolgt bei seinen Spitzenmodellen das Ziel, das entstandene analoge Signal mit möglichst wenigen zusätzlichen aktiven Stufen weiterzugeben. Das ist eine andere Philosophie als bei dCS.

Vereinfacht könnte man sagen: dCS versucht, die Wandlung durch eine hochentwickelte digitale und proprietäre Architektur maximal zu kontrollieren. MSB versucht, den eigentlichen D/A-Prozess mit einer extrem aufwendigen diskreten Widerstandsarchitektur möglichst unmittelbar zu realisieren. Zwei Wege zum selben Ziel.

 

 

emmLabs – Ed Meitner und der Single-Bit-Gedanke

Und dann kommt Ed Meitner. emmLabs darf in dieser Runde natürlich nicht fehlen. Meitner beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit digitaler Audiotechnik und war nicht nur im High End, sondern auch im professionellen Bereich der digitalen Aufnahme- und Konvertierungstechnik aktiv. Gerade diese Verbindung zwischen Studio- und Wiedergabetechnik macht emmLabs für unseren Vergleich besonders interessant. Das Herz der aktuellen Top-Wandler bildet die proprietäre MDAC2-Technologie. Und damit schlägt emmLabs wiederum einen völlig anderen Weg ein. Während MSB auf diskrete Ladder-Technik setzt, arbeitet emmLabs mit einer diskreten Single-Bit-Wandlerarchitektur. Beim aktuellen DA2i spricht emmLabs von proprietären, diskreten Dual-Differential-D/A-Wandlern und einer internen 16xDSD- beziehungsweise DSD1024-Architektur.

Doch auch hier ist die eigentliche Wandlung nur ein Teil des Konzeptes. Vor ihr steht bei emmLabs die proprietäre MDAT2-Signalverarbeitung. Eingehende PCM- und DSD-Signale werden verarbeitet und für die nachfolgende MDAC2-Wandlung aufbereitet. emmLabs nennt dabei unter anderem eine Echtzeit-Transientenerkennung und entsprechendes Upconversion-Processing. Dazu kommen zwei weitere Technologien, die für Meitner’s Ansatz charakteristisch sind: MFAST entkoppelt die Wandlung zeitlich vom eingehenden Digitalsignal, während das eigene MCLK-Clocking den Takt für die eigentliche Konvertierung bereitstellt. Beim aktuellen DA2i kommt die jüngste MCLK3-Generation zum Einsatz. Das Interessante daran ist die Konsequenz des Gesamtkonzepts. emmLabs möchte dem eingehenden Datenstrom möglichst wenig Macht darüber geben, wann die eigentliche Wandlung stattfindet. Die Daten werden übernommen, verarbeitet und anschließend unter Kontrolle des eigenen Clock- und Wandlersystems neu aufgebaut.

Das ist philosophisch ausgesprochen spannend. Denn emmLabs behandelt einen DAC nicht einfach als Übersetzer digitaler Worte in analoge Spannungen. Das Gerät wird vielmehr zu einer Art kontrollierter Rekonstruktionsmaschine, in der Datenverarbeitung, Zeitbasis und diskrete Single-Bit-Wandlung aufeinander abgestimmt sind. Und damit unterscheidet sich Meitners Ansatz sowohl von MSB als auch von dCS erheblich.

 

 

Wadax – den Fehler kennen, bevor er entsteht

Bei Wadax wird es noch einmal völlig anders. Die Spanier verfolgen einen Ansatz, den ich für einen der intellektuell interessantesten in der gesamten Digitaltechnik halte. Denn Wadax sagt sinngemäß nicht: Wir bauen einen theoretisch perfekten Wandler. Sondern: Wir untersuchen, welche Fehler ein realer Wandler unter realen Bedingungen produziert – und korrigieren diese Fehler bereits, bevor sie entstehen. Das Herz dieser Philosophie nennt Wadax musIC Feed-Forward Error Correction. Dabei geht das Unternehmen von einer eigentlich selbstverständlichen, aber häufig verdrängten Tatsache aus: Elektronische Bauteile verhalten sich nicht ideal. Stromversorgung, Clock, Masseführung, analoge Schaltungen und der eigentliche Wandler beeinflussen einander. Nichtlinearitäten verändern sich zudem abhängig vom Signal und von der Belastung.

Wadax versucht deshalb, diese Fehlermechanismen zu charakterisieren und mathematisch vorherzusagen. Das System analysiert das eingehende Signal und berechnet, welche linearen und nichtlinearen Fehler bei der nachfolgenden Wandlung entstehen würden. Anschließend wird eine entsprechende inverse Korrektur bereits vor der Wandlung auf das Signal angewendet. Feed-forward statt klassischem Feedback. Beim Atlantis Reference DAC spricht Wadax von interner Verarbeitung mit 128 Bit und einer enormen Rechen- und Datentransferleistung. Gleichzeitig werden Clocking, Stromversorgung, mechanische Isolation und die vollständig getrennten Dual-Mono-Signalwege als Bestandteile desselben Gesamtkonzeptes betrachtet. Das ist wichtig. Denn Wadax betrachtet „Digitalfehler“ nicht isoliert als mathematisches Problem. Das Unternehmen versucht vielmehr, digitale, analoge, zeitliche, elektrische und sogar mechanische Einflüsse gemeinsam zu betrachten. Vielleicht ist „holistisch“ tatsächlich das passende Wort dafür.

Während andere Hersteller versuchen, einen möglichst perfekten Wandler zu bauen, stellt Wadax eine andere Frage: Was, wenn Perfektion im realen Bauteil gar nicht existiert – wir seine Fehler aber so genau kennen, dass wir sie kompensieren können? Ein radikal anderer Gedanke!

 

 
CH Precision – Präzision in Zeit und Amplitude

CH Precision aus der Schweiz bringt wiederum eine andere Ingenieursphilosophie in diese Runde. Beim aktuellen C1.2 beginnt die Besonderheit bereits weit vor der eigentlichen D/A-Wandlung. CH setzt auf sein proprietäres PEtER Spline Upsampling Filter. Beim C1.2 arbeitet diese Signalverarbeitung mit 32-Bit-Fixed-Point-Präzision. Ein erklärtes Entwicklungsziel ist dabei die Kohärenz im Zeitbereich und die Reduzierung von Pre- und Post-Ringing! Das ist ein entscheidender Punkt. Denn digitale Wiedergabe wird häufig fast ausschließlich über Amplitudenauflösung diskutiert: mehr Bits, höherer Dynamikumfang, geringere Verzerrungen. Musik existiert jedoch nicht nur in der Amplitude. Musik existiert vor allem in der Zeit. Der Beginn eines Klavieranschlags, das Anreißen einer Gitarrensaite, der Bogen auf einer Violine, die winzigen zeitlichen Beziehungen zwischen Direktschall und Raumreflexionen – all diese Informationen sind entscheidend dafür, ob unser Gehirn eine Wiedergabe als glaubwürdig empfindet. CH Precision legt entsprechend großen Wert auf die zeitliche Integrität der Signalverarbeitung.

Bei der eigentlichen Wandlung setzt der C1.2 auf eine vollständig differentielle Dual-Mono-Architektur mit vier präzisen R-2R-Wandlernetzwerken pro Kanal. Die Widerstände befinden sich dabei jeweils auf einem gemeinsamen Siliziumsubstrat, um thermische Stabilität und möglichst exaktes Matching zu erreichen. Dahinter arbeitet eine diskrete, symmetrische Class-A-Ausgangsstufe. Auch beim Clocking geht CH einen eigenen Weg. Der C1.2 verwendet ein MEMS-basiertes, temperaturkompensiertes Clock-System, das wiederum in die gesamte Architektur integriert ist. CH Precision verbindet damit zwei Welten: extrem aufwendige digitale Signalverarbeitung auf der einen Seite und präzise R-2R-Wandlung mit kompromissloser analoger Ausgangsstufe auf der anderen.

 

 

Fünf Philosophien – ein Ziel

Und genau hier wird unser Vergleich interessant. Denn nun stehen fünf völlig unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage nebeneinander:

dCS setzt auf den proprietären Ring DAC und eine außergewöhnlich tiefe Verzahnung von Software, Mapping, Filterung und Hardware.

MSB Technology vertraut auf selbst entwickelte und gefertigte diskrete Ladder-DAC-Module und einen möglichst direkten Weg vom Wandler zum analogen Ausgang.

emmLabs setzt mit MDAC2 auf eine proprietäre diskrete Single-Bit-Architektur, kombiniert mit eigener MDAT2-Signalverarbeitung und konsequenter Kontrolle der Zeitbasis.

Wadax verfolgt mit musIC einen Feed-Forward-Ansatz, der die realen Fehlermechanismen des Wandlungsprozesses analysiert und bereits vor ihrer Entstehung korrigieren soll.

CH Precision kombiniert proprietäre Spline-Signalverarbeitung mit hochpräzisen R-2R-Netzwerken und legt besonderes Augenmerk auf die Integrität des Signals im Zeitbereich.

 

Fünf Hersteller – fünf Philosophien

Und Preise, bei denen man mit Fug und Recht erwarten darf, dass die Entwickler nicht einfach das Datenblatt eines Halbleiterherstellers gelesen und anschließend eine schöne Aluminiumfront davor geschraubt haben. Aber genau deshalb wird es jetzt spannend. Denn Technik ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Ich habe in mehr als 35 Jahren High End eines gelernt: Eine noch so überzeugende technische Erklärung sagt uns nicht zwangsläufig, was geschieht, wenn wir uns abends hinsetzen, das Licht dimmen und eine Aufnahme hören, die wir seit zwanzig oder dreißig Jahren kennen. Dann interessieren keine Blockdiagramme mehr. Dann interessiert nicht, ob ein Hersteller R-2R, Single Bit, Ring DAC oder Feed-Forward verwendet.

Dann zählt nur noch, ob ein Flügel im Raum plötzlich die richtige Größe besitzt. Ob eine Stimme einen Körper bekommt. Ob ein Schlagzeug nicht nur schnell, sondern explosiv wirkt.  Ob ein Orchester Tiefe bekommt, ohne künstlich auseinandergezogen zu werden.  Ob wir die Akustik des Aufnahmeraums wahrnehmen können, ohne bewusst danach suchen zu müssen. Und vielleicht die schwierigste Disziplin von allen: ob die Anlage irgendwann aufhört, unsere Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Denn am Ende haben dCS, MSB, emmLabs, Wadax und CH Precision trotz aller technischen Unterschiede genau dasselbe Ziel: Sie wollen aus einer Folge digital gespeicherter Zahlen wieder ein musikalisches Ereignis entstehen lassen. Die Technik dahinter könnte kaum unterschiedlicher sein. Jetzt müssen wir hören, was sie daraus machen.

 

Was einen außergewöhnlichen DAC wirklich ausmacht

Nachdem wir gesehen haben, mit welch unterschiedlichen Konzepten dCS, MSB, emmLabs, Wadax und CH Precision an die digitale Musikwiedergabe herangehen, stellt sich eine naheliegende Frage: Warum dieser enorme Aufwand? Schließlich könnte man argumentieren, dass die Aufgabe längst gelöst sei. Digitale Daten sind eindeutig definiert. Ein Bit ist ein Bit. Moderne Wandler erreichen Messwerte, von denen Entwickler vor dreißig Jahren nur träumen konnten. Selbst vergleichsweise preiswerte Geräte bieten heute Auflösungen, Dynamikumfänge und Verzerrungswerte, die auf dem Papier weit jenseits dessen liegen, was wir für Musikwiedergabe benötigen.

Warum also DAC’s entwickeln, die so viel kosten wie ein hochwertiges Automobil? Die Antwort beginnt mit einem Missverständnis. Die Bits sind nicht das eigentliche Problem! Der berühmte Satz „Bits are bits“ ist nicht falsch. Aber er beantwortet die falsche Frage. Solange digitale Daten innerhalb eines Computers verarbeitet, gespeichert oder kopiert werden, interessiert uns tatsächlich vor allem, ob die Information korrekt übertragen wurde. Eine Datei kann millionenfach kopiert werden, ohne dass aus einer Eins plötzlich eine Null wird. Doch ein DAC kopiert keine Datei. Er muss aus abstrakten Zahlenwerten ein kontinuierliches analoges Signal in Echtzeit erzeugen. Und plötzlich kommt eine Dimension ins Spiel, die beim Kopieren einer Datei nahezu bedeutungslos ist: Zeit.

Ein digital gespeicherter Amplitudenwert besitzt musikalisch erst dann Bedeutung, wenn er exakt zum vorgesehenen Zeitpunkt in ein analoges Signal umgesetzt wird. Damit verlassen wir die perfekte Welt der Mathematik und betreten die reale Welt der Elektronik. Hier gibt es Rauschen. Temperaturschwankungen. Toleranzen. Elektromagnetische Einstreuungen. Schwankungen der Versorgungsspannung. Clock-Phasenrauschen. Nichtlinearitäten. Massepotentiale. Mechanische Resonanzen. Und ausgerechnet in dieser unvollkommenen Umgebung soll aus einer mathematisch exakt beschriebenen Zahlenfolge wieder Musik entstehen. Genau deshalb beginnt High-End-Digitaltechnik dort, wo die Einsen und Nullen aufhören.

 

  • Zeit – die unterschätzte Dimension

Wenn man verstehen möchte, warum Hersteller wie dCS, MSB, emmLabs, Wadax und CH Precision einen derartigen Aufwand treiben, sollte man zuerst über Zeit sprechen. Musik ist ein zeitliches Ereignis. Ein Ton besitzt nicht nur eine Frequenz und eine Lautstärke. Er besitzt einen Anfang, einen Verlauf und ein Ende. Instrumente entstehen durch Transienten. Rhythmus entsteht aus zeitlichen Beziehungen. Räumlichkeit entsteht unter anderem aus winzigen Laufzeitunterschieden. Unser Gehör reagiert erstaunlich sensibel auf diese Strukturen. Bei digitaler Wiedergabe muss deshalb nicht nur der richtige Wert rekonstruiert werden. Er muss auch zum richtigen Zeitpunkt erscheinen. Abweichungen in dieser Zeitbasis werden unter dem Sammelbegriff Jitter diskutiert. Dabei lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen. Jitter ist nicht einfach eine mysteriöse digitale Verunreinigung, sondern eine zeitliche Unsicherheit der relevanten Taktflanken. Hinzu kommen Phasenrauschen und andere Störungen innerhalb des Clock-Systems. Genau deshalb investieren Top-Hersteller enorme Ressourcen in ihre Clock-Architekturen.

emmLabs beispielsweise versucht mit MFAST, die eingehenden Daten von ihrer ursprünglichen Zeitbasis zu entkoppeln und die eigentliche Wandlung unter Kontrolle der eigenen Clock durchzuführen.

dCS betrachtet Clocking traditionell als integralen Bestandteil des gesamten Wiedergabesystems und bietet nicht zufällig externe Masterclocks als eigenständige Komponenten an.

CH Precision wiederum verfolgt mit seiner eigenen Clock-Architektur ebenfalls das Ziel, die Zeitbasis möglichst präzise und kontrolliert zu halten.

Der entscheidende Gedanke lautet: Ein DAC muss nicht nur wissen, was er ausgeben soll. Er muss mit höchster Präzision wissen, wann. Und genau dieses „Wann“ ist möglicherweise einer der Gründe dafür, warum zwei Digitalquellen trotz identischer Daten unterschiedlich wahrgenommen werden können.

 

  • Digitale Filter – was geschieht zwischen den Samples?

Der zweite große Bereich ist komplizierter – und gleichzeitig faszinierend. Eine digitale Aufnahme besteht aus diskreten Abtastwerten. Bei einer CD beispielsweise werden pro Sekunde 44.100 Samples gespeichert. Der DAC muss daraus wieder ein kontinuierliches analoges Signal rekonstruieren. Und genau hier beginnt die Arbeit der digitalen Filter.

Vereinfacht gesagt muss der Wandler bestimmen, wie das Signal zwischen den vorhandenen Abtastpunktenrekonstruiert werden soll. Mathematisch ist dieses Problem gut beschrieben. Technisch gibt es jedoch unterschiedliche Möglichkeiten, sich dem theoretischen Ideal anzunähern. Filter können unterschiedliche Charakteristiken besitzen. Linear Phase, Minimum Phase, unterschiedliche Steilheiten, unterschiedliche Impulsantworten – und damit unterschiedliche Verteilungen von Pre- und Post-Ringing. Gerade das Thema Pre-Ringing ist interessant. In der Natur geschieht etwas normalerweise erst, nachdem ein Ereignis begonnen hat. Bestimmte digitale Filter können jedoch in ihrer Impulsantwort bereits vor dem eigentlichen Hauptimpuls eine Schwingung zeigen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass wir dieses Verhalten unmittelbar als Fehler „hören“. Aber es zeigt, wie komplex die Rekonstruktion eines digitalen Signals tatsächlich ist. Hersteller treffen deshalb sehr unterschiedliche Entscheidungen. CH Precision beschäftigt sich mit seiner PEtER-Spline-Filterung intensiv mit dem Verhalten im Zeitbereich. dCS bietet unterschiedliche Filtercharakteristiken und Mapping-Strategien und gibt dem Anwender damit teilweise die Möglichkeit, selbst zwischen verschiedenen Rekonstruktionsansätzen zu wählen.

emmLabs wiederum setzt auf eine eigene Signalverarbeitung und Upconversion, bevor das Signal an die eigentliche Single-Bit-Wandlung weitergegeben wird. Das Faszinierende daran: Die gespeicherten Musikdaten haben sich nicht verändert. Aber die Art, wie wir daraus wieder ein kontinuierliches Signal erzeugen, sehr wohl. Und damit sind digitale Filter keineswegs nur akademische Mathematik. Sie sind ein Teil der klanglichen Handschrift eines Wandlers.

 

  • Die eigentliche D/A-Wandlung – der Moment der Wahrheit

Irgendwann muss es passieren. Aus einer Zahl muss eine elektrische Größe werden. Genau hier befindet sich das Herzstück jedes DAC’s. Und genau an dieser Stelle unterscheiden sich unsere fünf Hersteller besonders deutlich.

MSB verwendet diskrete Ladder-DAC-Module.

emmLabs verfolgt eine diskrete Single-Bit-Architektur.

dCS setzt auf seinen proprietären Ring DAC.

CH Precision kombiniert seine digitale Signalverarbeitung mit hochpräzisen R-2R-Netzwerken.

Wadax betrachtet die eigentliche Wandlung wiederum als Teil eines größeren Systems, dessen reale Fehlermechanismen bereits vor der Wandlung berücksichtigt und korrigiert werden sollen. Jedes dieser Konzepte kämpft letztlich mit denselben Gegnern:

Linearität. Rauschen. Verzerrungen. Bauteiltoleranzen. Temperatur. Schaltfehler. Timing.

Und diese Probleme werden umso interessanter, je kleiner das zu reproduzierende Signal wird. Denn die großen Signale sind nicht unbedingt die schwierigsten. Die eigentliche Kunst zeigt sich ganz unten. Dort, wo eine Saite langsam ausschwingt. Wo der Nachhall eines Konzertsaals immer leiser wird. Wo die Textur einer Stimme kurz vor der Stille noch erhalten bleiben soll. Wo kleinste Informationen nicht einfach im Rauschen verschwinden dürfen. Hier zeigt sich, wie linear ein Wandlersystem tatsächlich arbeitet. Vielleicht liegt genau darin einer der Gründe, warum hervorragende DAC’s häufig nicht primär durch spektakuläre Effekte beeindrucken. Sie können vielmehr etwas sehr Unspektakuläres: Sie verlieren weniger.

 

  • Stromversorgung – Digitaltechnik ist am Ende Analogtechnik

Es gehört zu den hartnäckigsten Missverständnissen der digitalen Audiotechnik, dass Stromversorgung hauptsächlich ein analoges Thema sei. Das Gegenteil ist der Fall. Ein DAC kann mathematisch noch so ausgefeilt konstruiert sein – am Ende besteht er aus realen elektronischen Bauteilen, die reale Spannungen und Ströme benötigen. Und diese Spannungen sind niemals vollkommen ideal. Jede Clock. Jeder FPGA. Jede digitale Logik. Jede Wandlerstufe. Jede analoge Ausgangsschaltung.

Sie alle hängen an einer Stromversorgung. Störungen auf diesen Versorgungsspannungen können sich über unterschiedlichste Wege in andere Schaltungsteile einkoppeln. Digitale Schaltungen selbst erzeugen hochfrequente Störungen. Clock-Systeme reagieren empfindlich auf ihre elektrische Umgebung. Analoge Stufen wiederum müssen winzige Signalanteile verarbeiten, während wenige Zentimeter entfernt komplexe digitale Prozessoren arbeiten. Das erklärt, warum die Netzteile großer High-End-DAC’s teilweise Dimensionen annehmen, die auf den ersten Blick absurd erscheinen. Aber der Aufwand dient nicht dazu, besonders viel Leistung bereitzustellen. Ein DAC benötigt schließlich keine hunderte Watt, um Lautsprecher anzutreiben.

Es geht um etwas anderes: Sauberkeit, Stabilität und Isolation. Getrennte Versorgungen für unterschiedliche Funktionsgruppen. Aufwendige lokale Spannungsregelungen. Kurze Strompfade. Galvanische Trennung. Reduzierung gegenseitiger Beeinflussung. Mechanische und elektrische Isolation von Transformatoren. Teilweise sogar externe Netzteile. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viel Strom kann dieses Netzteil liefern? Sondern: Wie wenig von diesem Netzteil hört die empfindliche Schaltung, die daran angeschlossen ist?

 

  • Die analoge Ausgangsstufe – wo viele DAC’s entschieden werden

Und damit kommen wir zu einem Punkt, der meiner Erfahrung nach häufig unterschätzt wird. Ein DAC ist nicht fertig, wenn die eigentliche D/A-Wandlung abgeschlossen ist. Im Gegenteil. Jetzt beginnt der analoge Teil. Das frisch erzeugte Signal muss gefiltert, gegebenenfalls in Spannung umgesetzt, verstärkt oder gepuffert und schließlich über Kabel an einen Vorverstärker oder direkt an eine Endstufe weitergegeben werden. Und plötzlich gelten exakt dieselben Regeln wie überall im analogen High End.

Transistoren. Operationsverstärker. Widerstände. Kondensatoren. Leiterbahnen. Masseführung. Ausgangsimpedanz. Stromlieferfähigkeit. Class-A-Arbeitspunkte. Symmetrische oder unsymmetrische Schaltungstopologien. Jede Entscheidung kann Auswirkungen haben. Man könnte einen theoretisch fantastischen digitalen Wandler bauen und anschließend einen mittelmäßigen analogen Ausgang dahinter setzen. Das Ergebnis wäre ein mittelmäßiger DAC. Genau deshalb entwickeln Hersteller in dieser Klasse ihre analogen Ausgangsstufen mit derselben Konsequenz wie die eigentliche Digitaltechnik.

MSB versucht beispielsweise, nach seinen Ladder-Modulen mit möglichst wenig zusätzlicher Elektronik auszukommen.

CH Precision setzt auf eine aufwendige diskrete Class-A-Ausgangsstufe.

Auch emmLabs, dCS und Wadax betrachten die analoge Sektion nicht als notwendiges Anhängsel des digitalen Wandlers, sondern als integralen Bestandteil des Gesamtkonzeptes.

Denn spätestens hier wird deutlich: Ein DAC ist zur Hälfte ein Digitalgerät – und zur anderen Hälfte ein extrem empfindliches Analoggerät. Vielleicht ist sogar diese Trennung schon falsch. Ein wirklich außergewöhnlicher DAC entsteht erst dann, wenn beide Welten nicht mehr getrennt voneinander entwickelt werden.

 

  • Masse, HF und die Außenwelt

Streamer, Server, Router, Switches, USB-Verbindungen, Ethernet, S/PDIF, AES/EBU, externe Clocks und Netzwerke verbinden heute eine ganze Reihe von Geräten miteinander. Und jede Verbindung transportiert potenziell mehr als nur Nutzdaten. Hochfrequente Störungen. Massepotentiale. Common-Mode-Noise. Leckströme von Schaltnetzteilen. Störungen aus Computern und Netzwerktechnik. Ein Datenpaket kann vollständig korrekt beim DAC ankommen – und trotzdem kann die elektrische Verbindung, über die es übertragen wurde, Auswirkungen auf die Umgebung der empfindlichen Wandlerschaltung haben. Das ist ein wichtiger Unterschied. Nicht jede hörbare Veränderung einer digitalen Verbindung bedeutet automatisch, dass plötzlich „andere Bits“ angekommen sind. Die Bits können vollkommen identisch sein. Die elektrische Umgebung des DAC’s muss es nicht sein. Gerade diese Unterscheidung halte ich für wichtig, weil sie einen großen Teil der teilweise emotional geführten Diskussion über digitale Kabel, Netzwerkkomponenten und Interfaces auf eine sachlichere Ebene bringt. Wir müssen nicht behaupten, dass Einsen und Nullen geheimnisvoll ihren Klang verändern. Wir müssen vielmehr untersuchen, was die reale Elektronik zusätzlich zu diesen Einsen und Nullen transportiert und verarbeitet.

 

Die Summe entscheidet

Damit wird auch verständlich, warum die Entwicklung eines wirklich außergewöhnlichen DAC’s so schwierig ist. Es reicht nicht, den vermeintlich besten Wandler zu besitzen. Es reicht nicht, die präziseste Clock einzubauen. Es reicht nicht, ein gigantisches Netzteil zu konstruieren. Und es reicht ebenso wenig, eine besonders exotische Filtertheorie zu verfolgen. Am Ende müssen all diese Bereiche miteinander funktionieren.

Zeit.
Filterung.
Wandlung.
Stromversorgung.
Analoge Ausgangsstufe.
Isolation und HF-Verhalten.

Und vielleicht liegt genau hier der eigentliche Unterschied zwischen einem guten und einem außergewöhnlichen DAC. Ein guter DAC kann in vielen dieser Disziplinen hervorragend sein. Ein großer DAC muss in praktisch keiner davon eine offensichtliche Schwäche zeigen. Denn jede Information, die an irgendeiner Stelle verloren geht, lässt sich später nicht wieder herstellen. Keine noch so aufwendige Ausgangsstufe kann eine zuvor verlorene zeitliche Information zurückholen. Keine perfekte Clock kann eine schlechte analoge Schaltung retten. Kein exotischer Wandler kann ein verrauschtes elektrisches Umfeld vollständig ignorieren. Und kein beeindruckender Messwert für sich allein beschreibt, wie all diese Faktoren zusammenspielen. Das führt uns schließlich zu dem Punkt, an dem Messwerte und Blockdiagramme nicht mehr ausreichen. Wir müssen hören.

 

Eine wichtige Einordnung

Bevor wir tiefer in die unterschiedlichen Konzepte einsteigen, möchte ich an dieser Stelle eine wichtige Einordnung vornehmen. Wenn ich im Folgenden über dCS, MSB, EMM Labs, Wadax und CH Precision spreche, geht es mir ausdrücklich nicht um einen Vergleich der jeweils teuersten und kompromisslosesten Flaggschiffe dieser Hersteller. Inzwischen hat die Spitze des digitalen High End Preisregionen erreicht, die selbst für jemanden, der seit Jahrzehnten in dieser Branche arbeitet, bemerkenswert sind. Bei einzelnen Lösungen von dCS, MSB oder Wadax kann sich ein vollständiges digitales Frontend – je nach Konfiguration und zusätzlichen Komponenten – in Richtung einer Viertelmillion Euro bewegen oder diese Größenordnung erreichen. Diese Systeme sind technisch faszinierend und zeigen, was möglich wird, wenn Entwicklungsaufwand und Budget nahezu keine Rolle mehr spielen. Sie sind aber nicht der eigentliche Gegenstand dieses Artikels.

Mich interessiert etwas anderes. Im Mittelpunkt stehen jene Geräte, mit denen ich mich in realen High-End-Anlagen intensiv beschäftigt habe und die für mich bereits einen sehr großen Teil dessen repräsentieren, was digitale Musikwiedergabe heute leisten kann. Bei Wadax ist das insbesondere der Studio Player beziehungsweise die Studio-Plattform, bei dCS sprechen wir über Bartók, Rossini und auch Vivaldi, bei MSB über Premier und Cascade und bei emmLabs über den DA2i. Bei CH Precision ist es der C1.2.

Diese Unterscheidung ist mir wichtig, denn High End darf nicht zu einem Wettbewerb werden, bei dem automatisch das teuerste Produkt eines Herstellers als Referenz herangezogen werden muss. Ganz im Gegenteil. Eine der spannendsten Fragen lautet für mich heute: Wie viel von der grundlegenden Philosophie eines Herstellers findet sich bereits in den Geräten unterhalb der absoluten Extremmodelle wieder?

 

Fünf Wege – fünf Charaktere

An dieser Stelle könnte nun der klassische Testbericht beginnen. Wir könnten dieselben Aufnahmen auflegen, Geräte wechseln, Notizen machen und anschließend versuchen, aus unseren Eindrücken eine Rangfolge zu konstruieren. Vielleicht noch Punkte vergeben für Auflösung, Räumlichkeit, Dynamik und Klangfarben und am Ende einen Sieger küren. Genau das möchte ich nicht tun. Nach mehr als 35 Jahren im High End und zahllosen Digitalquellen, die ich in dieser Zeit hören und vergleichen konnte, halte ich einen solchen Ansatz bei Geräten dieser Klasse sogar für wenig sinnvoll. Denn wir sprechen bei dCS, emmLabs, MSB, CH Precision und Wadax nicht mehr über die Kategorien „gut“ oder „schlecht“. Wir sprechen über fünf außergewöhnliche Interpretationen digitaler Musikwiedergabe. Jeder dieser Hersteller besitzt besondere Stärken, jeder setzt andere Prioritäten, und ja – jeder hat auch Bereiche, in denen ein anderer vielleicht noch etwas weiter geht.

Keiner von ihnen kann alles besser als die anderen. Vielleicht ist genau das eine der interessantesten Erkenntnisse dieses Vergleichs. Trotz des enormen technischen Aufwandes und des Anspruchs auf größtmögliche Neutralität besitzen diese DAC’s einen eigenen Charakter. Ich meine damit ausdrücklich keine plakative Klangfärbung. Wir sprechen nicht über warm, hell, dunkel oder analytisch im klassischen Sinne. Die Unterschiede liegen tiefer. Sie zeigen sich darin, wie Musik organisiert wird, wie ein Raum entsteht, wie selbstverständlich ein Instrument darin seinen Platz findet, wie ein Ton beginnt und wieder vergeht, wie viele Informationen gleichzeitig hörbar bleiben und wie sich Mikro- und Makrodynamik entwickeln. Und schließlich gibt es noch jene Eigenschaft, die sich besonders schwer messen und manchmal noch schwerer in Worte fassen lässt: wie selbstverständlich Musik fließt. Nach langer Beschäftigung mit diesen Geräten haben sich für mich deshalb fünf unterschiedliche Charaktere herauskristallisiert. Nicht als endgültiges Urteil und schon gar nicht als Rangliste, sondern als Versuch zu beschreiben, was diese außergewöhnlichen Wandler musikalisch voneinander unterscheidet.

Bei dCS fällt mir zunächst Dynamik ein. Damit meine ich keineswegs nur die Fähigkeit, einen mächtigen Bassimpuls zu erzeugen oder große Lautstärkesprünge abzubilden. Es geht vielmehr um die Geschwindigkeit und Energie, mit der musikalische Ereignisse entstehen. Ein Schlag auf eine Snare kann über einen großen dCS eine Unmittelbarkeit besitzen, die einen selbst bei einer seit Jahren bekannten Aufnahme noch überrascht. Ein Orchester kann innerhalb eines Augenblicks von nahezu vollständiger Ruhe zu enormer Energie explodieren, ohne dass der Wandler dabei auch nur im Ansatz den Überblick verliert.

Diese dynamischen Fähigkeiten verbindet dCS mit einem außergewöhnlichen Detailreichtum. Es passiert viel – sehr viel. Kleine Informationen im hinteren Bereich des Aufnahmeraums, Bewegungen eines Musikers, feine Reflexionen, das Nachschwingen eines Instruments oder einzelne Strukturen innerhalb eines komplexen Arrangements werden mit großer Selbstverständlichkeit sichtbar beziehungsweise hörbar. Das eigentlich Beeindruckende ist dabei für mich jedoch nicht die schiere Menge der Informationen, sondern ihre dynamische Differenzierung. Ein Detail ist eben nicht nur vorhanden oder nicht vorhanden. Es besitzt eine eigene Energie, einen zeitlichen Verlauf und eine Beziehung zu allen anderen musikalischen Ereignissen.

Genau darin ist dCS außergewöhnlich. Musik bekommt Geschwindigkeit und Kontrast, rhythmische Strukturen werden klar und komplexe Passagen bleiben transparent. Bei entsprechend guten Aufnahmen kann daraus eine enorme Unmittelbarkeit entstehen. Gleichzeitig richtet sich die Aufmerksamkeit dadurch manchmal stärker auf die Aufnahme selbst. Eine fantastische Produktion kann über dCS atemberaubend sein. Eine weniger gute Aufnahme bleibt aber auch eine weniger gute Aufnahme. dCS versucht nicht, sie schöner zu machen, als sie ist. Das ist eine große Stärke – kann aber, abhängig von der Anlage und vom persönlichen Geschmack, durchaus auch eine Herausforderung sein. Wechselt man von dCS zu emmLabs, verändert sich die Perspektive. Natürlich besitzt auch ein großer Meitner-Wandler enorme Auflösung, Dynamik und Räumlichkeit. Auf diesem Niveau müssen wir über solche Grundfähigkeiten eigentlich nicht mehr diskutieren. Aber nach einigen Minuten passiert etwas Interessantes: Man hört häufig auf, darüber nachzudenken. Musik beginnt einfach zu fließen.

Flow“ gehört zu jenen Begriffen, die im High End gerne verwendet werden, ohne dass immer ganz klar ist, was damit eigentlich gemeint ist. Bei emmLabs trifft er für mich dennoch den Kern. Musikalische Ereignisse scheinen besonders selbstverständlich miteinander verbunden zu sein. Ein Ton führt zum nächsten, eine Phrase entwickelt sich aus der vorherigen, ein Rhythmus wirkt nicht wie eine Abfolge perfekt reproduzierter Einzelereignisse, sondern wie eine zusammenhängende Bewegung. Vielleicht ist es genau diese Qualität, die wir häufig als Musikalität bezeichnen. Natürlich ist ein DAC nicht musikalisch – die Musiker sind es. Aber es gibt Komponenten, bei denen unsere Aufmerksamkeit stärker bei der Reproduktion bleibt, und andere, bei denen wir sehr schnell nur noch dem Musiker folgen. emmLabs gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Man analysiert weniger. Man hört länger. Dieser Satz klingt zunächst banal. Nach vielen Jahren mit High-End-Audio halte ich ihn jedoch für ein enormes Kompliment.

MSB führt wiederum in eine etwas andere Richtung. Wenn ich die großen MSB-Wandler mit zwei Begriffen beschreiben müsste, wären es Information und Klangfarbe. MSB gehört für mich zu jenen DAC’s, bei denen man immer wieder Dinge in bekannten Aufnahmen entdeckt, von denen man glaubte, sie längst vollständig zu kennen. Vielleicht liefert MSB innerhalb dieser Gruppe sogar die größte Menge an feinsten Informationen. Aber genau das allein wäre noch nicht außergewöhnlich. Was mich bei MSB besonders fasziniert, ist die Verbindung dieser Auflösung mit einer bemerkenswerten Differenzierung von Klangfarben. Information besitzt hier nicht nur Kontur, sondern Farbe und Substanz. Eine Violine ist nicht einfach eine Violine. Man nimmt stärker wahr, wie Saite, Bogen und Resonanzkörper zusammenspielen. Bei Stimmen werden kleinste tonale Unterschiede deutlich. Ein Flügel besteht nicht nur aus Attack und Nachhall, sondern bekommt Körper, Holz, Saiten und Raum.

Gerade akustische Instrumente können über einen großen MSB eine Farbenvielfalt entwickeln, die für mich zu den schönsten Erfahrungen digitaler Wiedergabe gehört. Und obwohl die Menge an Feininformation enorm ist, wirkt diese Auflösung selten demonstrativ. Der DAC scheint nicht permanent beweisen zu wollen, wieviel er findet. Die Information ist einfach da. Das ist ein wichtiger Unterschied. Extreme Auflösung kann beeindrucken, aber sie kann auch ermüden, wenn sie permanent unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. MSB gelingt es, sehr viel Information zu zeigen und gleichzeitig die tonale Schönheit eines Instruments zu bewahren.

CH Precision besitzt ebenfalls einen außergewöhnlichen Detailreichtum, doch die Art, wie diese Informationen präsentiert werden, empfinde ich anders. Hier steht für mich vor allem ein Begriff im Vordergrund, der nicht zufällig bereits im Firmennamen steckt: Präzision. Instrumente besitzen eine geradezu bemerkenswerte räumliche Definition. Beziehungen innerhalb einer Aufnahme werden klar nachvollziehbar. Transienten beginnen exakt, und komplexe musikalische Strukturen bleiben selbst dann geordnet, wenn sehr viele Dinge gleichzeitig passieren. Vielleicht ist CH Precision innerhalb dieser Gruppe der Wandler, bei dem ich am stärksten das Gefühl habe, tief in die Struktur einer Aufnahme hineinsehen zu können. Präzision sollte man dabei keinesfalls mit Sterilität verwechseln. Es geht vielmehr um Ordnung und Kontrolle. Gerade bei großen orchestralen Aufnahmen wird diese Fähigkeit faszinierend. Wenn ein Orchester im Fortissimo spielt, entsteht bei weniger guten Komponenten irgendwann eine akustische Masse. Man hört natürlich weiterhin das Orchester, aber seine innere Struktur beginnt zu verschwimmen. Instrumentengruppen verlieren ihre klare Beziehung zueinander, der Raum wird flacher und einzelne dynamische Ereignisse verschmelzen miteinander.

CH Precision besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit, genau diese Ordnung aufrechtzuerhalten. Selbst in komplexesten Passagen bleibt die Architektur der Aufnahme stabil. Einzelne Instrumentengruppen sind weiterhin nachvollziehbar, räumliche Beziehungen bleiben erhalten und dynamische Ereignisse verlieren ihre Konturen nicht. Es ist diese Verbindung aus extremer Auflösung und Präzision, die CH Precision für mich so besonders macht.

Und dann kommt Wadax. Vielleicht ist Wadax von allen fünf am schwierigsten zu beschreiben. Nicht weil diesem DAC Charakter fehlen würde, sondern weil keine einzelne Eigenschaft sofort nach vorne springt. dCS beeindruckt unmittelbar mit Dynamik und Information. emmLabs zieht einen in den musikalischen Fluss. MSB fasziniert mit Details und Klangfarben. CH Precision begeistert mit Präzision und Struktur. Wadax dagegen macht von allem etwas. Das klingt beinahe wie ein schwaches Kompliment. Ich meine exakt das Gegenteil. Denn Balance auf diesem Niveau zu erreichen, ist möglicherweise schwieriger, als in einer einzelnen Disziplin spektakulär zu sein. Wadax besitzt enorme Auflösung, aber die Auflösung stellt sich nicht in den Vordergrund. Er besitzt Dynamik, aber Dynamik wird nicht zum Selbstzweck. Er besitzt wunderschöne Klangfarben, ohne die Wiedergabe bewusst „schön“ erscheinen zu lassen. Er besitzt Präzision, ohne Musik zu sezieren, und er besitzt musikalischen Fluss, ohne dafür Informationen zu verschleiern.

Diese Ausgewogenheit ist für mich die eigentliche Besonderheit von Wadax. Beim ersten Wechsel auf einen Wadax gibt es möglicherweise weniger, woran man sich unmittelbar festhalten kann. Keinen einzelnen Effekt, bei dem man nach dreißig Sekunden sagt: Das ist es. Je länger man hört, desto mehr versteht man jedoch, dass genau darin seine Qualität liegt. Nichts scheint besonders hervorgehoben zu werden – und erstaunlich wenig scheint zu fehlen. Wadax lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf einen bestimmten Aspekt der Wiedergabe. Die einzelnen audiophilen Qualitäten treten gewissermaßen einen Schritt zurück, und das musikalische Ganze tritt einen Schritt nach vorne. Für mich ist das eine der schwierigsten Leistungen überhaupt.

Und damit kommen wir zwangsläufig zu jener Frage, die nach solchen Vergleichen fast immer gestellt wird: Welcher ist nun der Beste? Ich glaube, diese Frage lässt sich auf diesem Niveau nicht mehr sinnvoll beantworten. Denn welchen dieser DAC’s man am Ende bevorzugt, hängt nicht nur vom DAC selbst ab. Es hängt von der gesamten Anlage ab, vom Raum, von den Lautsprechern, von der Musik und nicht zuletzt davon, welche Eigenschaften für den jeweiligen Hörer entscheidend sind.

Wer Dynamik, Geschwindigkeit und eine fast explosive Offenlegung musikalischer Informationen liebt, könnte sich bei dCS wiederfinden. Wer nach wenigen Minuten vergessen möchte, dass er gerade einen DAC beurteilt, und für den musikalischer Fluss und Geschlossenheit entscheidend sind, wird sehr schnell verstehen, was emmLabs so besonders macht. Wer tief in Aufnahmen eintauchen möchte und dabei sowohl maximale Feininformation als auch außergewöhnlich differenzierte Klangfarben sucht, wird von MSB fasziniert sein. Wer Präzision, Ordnung und maximale Kontrolle über komplexe musikalische Strukturen schätzt, findet bei CH Precision Fähigkeiten, die nur sehr wenige Digitalquellen erreichen. Und wer von all diesen Eigenschaften möglichst wenig gegeneinander eintauschen möchte, wird verstehen, warum Wadax für mich vielleicht der ausgewogenste Vertreter dieser außergewöhnlichen Gruppe ist. Aber selbst diese Beschreibungen bleiben nur Annäherungen. Denn wir dürfen einen entscheidenden Punkt nicht vergessen: Wir hören niemals einen DAC allein. Wir hören ein System. Und genau hier wird die Sache noch interessanter.

Ein extrem detailreicher und dynamischer DAC kann in einer Anlage, die selbst bereits sehr direkt und hochauflösend abgestimmt ist, irgendwann zu viel des Guten sein. Derselbe DAC kann in einer anderen Kette genau jene Energie und Offenheit hineinbringen, die bisher gefehlt hat. Ein Wandler mit außergewöhnlichem musikalischem Fluss kann eine analytisch abgestimmte Anlage plötzlich zu einem Ganzen zusammenführen. Die Klangfarben eines MSB können mit bestimmten Lautsprechern eine geradezu süchtig machende Wirkung entwickeln. Die Präzision eines CH Precision kann zeigen, zu welchen Leistungen ein kompromisslos aufgebautes System tatsächlich fähig ist. Und die Balance eines Wadax kann gerade dort ihre größte Stärke entfalten, wo die restliche Anlage bereits so wenig Fehler macht, dass jede Übertreibung sofort hörbar wird. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erfahrungen, die nach vielen Jahren High End bleibt:

Die beste Komponente gibt es nicht unabhängig von ihrer Umgebung.

Es gibt nur die richtige Komponente innerhalb eines Systems. Und dieses System endet nicht bei Lautsprechern, Verstärkern, Kabeln oder dem Raum. Am Ende gehört auch der Mensch dazu, der davor sitzt. Unsere Hörgewohnheiten, unsere Musik und unsere Vorstellung davon, wie sich eine Wiedergabe anfühlen soll, sind Teil dieser Entscheidung. Der eine möchte die Energie eines Orchesters körperlich spüren. Der andere möchte in die feinsten Klangfarben einer Stimme eintauchen. Ein Dritter sucht maximale räumliche und zeitliche Präzision. Und wieder ein anderer möchte vor allem eines: vergessen, dass dort überhaupt eine Anlage steht.

Und deshalb können Sie bei uns diese DAC’s im Vergleich hören!

 

Mehr als nur ein DAC – die physikalischen Unterschiede

Bis hierhin haben wir uns vor allem damit beschäftigt, was im Inneren dieser außergewöhnlichen Geräte passiert: mit unterschiedlichen Wandlerarchitekturen, digitaler Signalverarbeitung, Clocking, Stromversorgung und analogen Ausgangsstufen. In einer realen High-End-Anlage gibt es jedoch noch eine zweite Ebene, die mindestens ebenso interessant ist. Denn dCS, emmLabs, MSB, Wadax und CH Precision unterscheiden sich nicht nur darin, wie sie digitale Signale in analoge Musik verwandeln. Sie unterscheiden sich auch ganz erheblich darin, was für ein Gerät sie überhaupt sein wollen. Und diese Unterschiede können bei der Planung einer Anlage am Ende von größerer Bedeutung sein als ein kleiner klanglicher Vorteil in einer einzelnen Disziplin.

Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der Wadax Studio. Wadax verbindet hier seine Streaming-Plattform und D/A-Wandlung mit etwas, das in dieser Geräteklasse inzwischen beinahe selten geworden ist: einem sehr hochwertigen SACD-Laufwerk. Für jemanden, der über Jahrzehnte eine entsprechende CD- und SACD-Sammlung aufgebaut hat, ist das keineswegs eine nostalgische Nebensächlichkeit. Es bedeutet, dass Streaming und physische digitale Medien nicht als zwei getrennte Welten behandelt werden müssen. Man besitzt eine moderne Streaming-Lösung und kann gleichzeitig seine vorhandenen CD’s und SACD’s auf einem Laufwerk abspielen, das dem qualitativen Anspruch des Wandlers gerecht wird. Damit verfolgt Wadax eine bemerkenswert integrative Philosophie. Statt für Streaming, Disc-Wiedergabe und D/A-Wandlung zwangsläufig mehrere Geräte zu benötigen, wird ein erheblicher Teil der digitalen Quelle in einer einzigen Plattform zusammengeführt.

Gerade in einer hochwertigen Anlage ist das attraktiver, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn jedes zusätzliche Gerät bedeutet auch ein zusätzliches Netzteil, ein weiteres Netzkabel, zusätzliche Signalverbindungen und weitere Schnittstellen. Und jede dieser Verbindungen schafft wiederum eine neue Möglichkeit für Massepotentiale, hochfrequente Störungen und gegenseitige elektrische Beeinflussung. Integration kann deshalb im High End durchaus ein Vorteil sein – vorausgesetzt, sie wird konsequent umgesetzt. Wadax zeigt mit dem Studio sehr schön, dass Integration nicht zwangsläufig Kompromiss bedeuten muss. dCS setzt an einer anderen Stelle einen interessanten Akzent. Bereits der Bartók zeigt, dass ein moderner High-End-DAC nicht zwingend nur für eine klassische Lautsprecheranlage gedacht sein muss. Mit seiner integrierten Kopfhörerverstärkung bietet er eine Funktion, die bei vielen Geräten dieser Preisklasse entweder überhaupt nicht vorhanden ist oder eher wie eine Zugabe behandelt wird. Beim Bartók ist sie deutlich ernsthafter gemeint. Und vor allem: Sie ist gut.

Das macht den Bartók für Hörer interessant, die neben ihrer großen Anlage auch hochwertige Kopfhörer betreiben möchten, ohne dafür zwangsläufig einen separaten Kopfhörerverstärker in vergleichbarer Qualität anschaffen zu müssen. Gerade bei einer kompakten, aber kompromisslosen digitalen Anlage kann das ein erheblicher Vorteil sein. Der Bartók wird damit nicht nur zum DAC und Streamer, sondern zu einer erstaunlich vollständigen digitalen Schaltzentrale. Bei dCS kommt jedoch noch eine zweite Eigenschaft hinzu, die für die Philosophie des Unternehmens mindestens ebenso charakteristisch ist: die Möglichkeit, die Clock-Architektur weiter auszubauen. Die Bedeutung einer präzisen Zeitbasis haben wir bereits angesprochen. Interessant wird es nun, wenn diese Zeitbasis aus dem eigentlichen DAC herausgelöst und einer nochmals aufwendigeren externen Referenz übergeben wird. Bei dCS gehört dieser Gedanke seit vielen Jahren zur DNA des Unternehmens. Die größeren Systeme lassen sich um dedizierte externe Clocks erweitern. Ein Rossini kann beispielsweise mit der Rossini Master Clock kombiniert werden, während dCS bei seinen großen Systemen noch weitergehende Clock-Lösungen anbietet. Das Entscheidende daran ist nicht, dass eine externe Clock plötzlich „bessere Bits“ erzeugt. Die Daten bleiben dieselben. Es geht um die Zeit.

Genauer gesagt geht es darum, den beteiligten digitalen Komponenten eine möglichst stabile und kontrollierte zeitliche Referenz zur Verfügung zu stellen. Gerade dCS ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie weit man diese Philosophie treiben kann. Ein DAC wird nicht mehr als isoliertes Gerät betrachtet, sondern als Bestandteil eines digitalen Systems, dessen einzelne Komponenten auf eine gemeinsame Zeitbasis synchronisiert werden können. Das hat noch einen weiteren interessanten Aspekt: Man muss nicht zwingend vom ersten Tag an das maximal mögliche System kaufen. Man kann mit einem Bartók oder Rossini beginnen und die digitale Quelle später weiterentwickeln. Gerade bei Komponenten, die eine erhebliche Investition darstellen, halte ich diese Möglichkeit für ausgesprochen attraktiv.

Noch einen Schritt in eine andere Richtung geht emmLabs. Hier wird ein Thema interessant, das bei High-End-DAC’s häufig viel zu oberflächlich behandelt wird: die Lautstärkeregelung. Lautstärkeregelung ist nämlich nicht gleich Lautstärkeregelung. Natürlich kann man den Pegel eines digitalen Signals mathematisch reduzieren. Das ist bequem und bei modernen Wortbreiten technisch wesentlich weniger problematisch als in den frühen Jahren digitaler Audiotechnik. Trotzdem bleibt es zunächst eine digitale Pegelabsenkung. Eine hochwertige Vorstufe verfolgt einen anderen Ansatz. emmLabs bietet seine digitalen Lösungen auch in Konfigurationen an, bei denen der DAC mit einer ernst zu nehmenden Vorstufensektion verbunden wird. Hier sprechen wir nicht von einer Lautstärkeanzeige im Display und zwei Tasten auf der Fernbedienung, die lediglich eine digitale Pegelreduktion steuern. Wir sprechen von einer echten Vorstufenfunktion, die als Bestandteil des analogen Signalwegs konzipiert wurde.

Und damit stellt sich plötzlich eine sehr interessante Frage: Brauche ich überhaupt noch eine separate Vorstufe? In einer überwiegend oder vollständig digitalen Anlage kann die Antwort durchaus „Nein“ lauten. Wenn der DAC über eine analoge Ausgangsstufe und Lautstärkeregelung verfügt, die qualitativ auf demselben Niveau wie die eigentliche Wandlung arbeitet, kann der direkte Weg zur Endstufe außerordentlich reizvoll sein. Ein Gerät weniger, ein Netzkabel weniger, ein Verbindungskabel weniger und vor allem eine Verstärkerstufe weniger. Leider kenne ich aber keinen DAC mit digitaler Lautstärkeregelung, der eine Vorstufe nur im Entferntesten ersetzt. Eine außergewöhnliche Vorstufe kann einer Anlage Qualitäten verleihen, auf die man möglicherweise nicht verzichten möchte. Aber durchaus kann eine Vorstufe im Wandler direkt integriert sein, wie bei emmLabs.

MSB stellt diese Frage ebenfalls – und beantwortet sie auf seine eigene Weise. Auch hier beschränkt man sich bei der Lautstärkeregelung nicht auf die Vorstellung, einfach die digitale Wortbreite zu reduzieren und damit den Ausgangspegel zu bestimmen. MSB hat erheblichen Aufwand betrieben, damit seine DAC’s unmittelbar als hochwertige Steuerzentrale vor einer Endstufe eingesetzt werden können. Das passt sehr gut zur grundsätzlichen Philosophie des Unternehmens. Denn wenn ich bereits einen extrem aufwendigen diskreten Ladder-DAC konstruiere und anschließend einen möglichst direkten analogen Signalweg anstrebe, erscheint es nur logisch, diesen Weg nicht zwangsläufig wieder durch eine zusätzliche Vorstufe zu verlängern. Ob man diese Möglichkeit nutzt, ist eine andere Frage. Aber man hat die Wahl. Und genau dieses Wort – Wahl – beschreibt eine weitere große Stärke von MSB. Denn MSB besitzt eines der intelligentesten modularen Konzepte in dieser Klasse. Statt dem Käufer eine festgelegte Sammlung digitaler Eingänge vorzusetzen, von denen er möglicherweise die Hälfte niemals benutzt, arbeitet MSB mit austauschbaren Eingangsmodulen. Der Kunde kann damit gezielt bestimmen, welche digitalen Schnittstellen sein DAC tatsächlich benötigt. Das klingt zunächst nach einem praktischen Ausstattungsdetail. Tatsächlich steckt dahinter eine ausgesprochen vernünftige High-End-Philosophie. Warum soll ich für Schnittstellen bezahlen, die ich nicht brauche? Warum sollen zusätzliche Eingangsschaltungen im Gerät vorhanden sein, wenn sie niemals verwendet werden?

 

 

Und was geschieht, wenn sich digitale Übertragungsstandards in einigen Jahren verändern? Ein modulares Konzept gibt darauf eine elegante Antwort. Der DAC wird zu einer Plattform. Man kauft nicht zwangsläufig den Zustand eines Gerätes zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern eine Architektur, die sich an die eigene Anlage anpassen und später weiterentwickeln lässt. Besonders interessant wird dieses Konzept in Verbindung mit MSB Pro ISL. Diese proprietäre digitale Schnittstelle gehört für mich zu den modernsten Ansätzen für die Verbindung digitaler High-End-Komponenten. Der entscheidende Gedanke dahinter ist wiederum nicht, die Einsen und Nullen irgendwie zu verbessern. Es geht darum, die Daten vollständig zu übertragen und gleichzeitig die unerwünschte elektrische Verbindung zwischen den beteiligten Geräten so weit wie möglich zu vermeiden. Das ist ein erheblicher Unterschied. Bei einer klassischen elektrischen Digitalschnittstelle übertragen wir eben nicht ausschließlich abstrakte Daten. Wir verbinden zwei reale elektronische Geräte miteinander. Damit können Masseverbindungen, hochfrequente Störungen und andere unerwünschte elektrische Einflüsse ins Spiel kommen. Pro ISL versucht genau diese Kopplung zu vermeiden und gleichzeitig die für hochauflösendes Audio notwendigen Daten verlustfrei zu transportieren. Für mich ist das eine sehr moderne Art, über digitale Schnittstellen nachzudenken: Nicht nur die Datenübertragung optimieren, sondern gleichzeitig verhindern, dass zwei Geräte elektrisch mehr miteinander teilen als unbedingt notwendig.

Und auch CH Precision denkt in Systemen. Vielleicht sogar konsequenter als fast jeder andere Hersteller in dieser Gruppe. Der C1.2 besitzt eine modulare Architektur, bei der digitale Funktionen über entsprechende Einschubmodule ergänzt beziehungsweise an die jeweilige Anlage angepasst werden können. Damit verfolgt CH einen ähnlichen Grundgedanken wie MSB: Man kauft nicht einfach ein für alle Zeiten festgelegtes Anschlussfeld, sondern eine Plattform. Besonders interessant wird CH Precision für Hörer, die neben Streaming weiterhin großen Wert auf physische digitale Medien legen. Mit dem D1.5 bietet CH einen ausgesprochen aufwendigen CD/SACD-Transport beziehungsweise Player. Innerhalb eines CH-Systems kann dieser über die proprietäre CH-Link-HD-Schnittstelle mit einem entsprechend ausgestatteten DAC wie dem C1.2 verbunden werden. Das ist gerade bei SACD von großer Bedeutung. Denn eine SACD in ein Laufwerk zu legen bedeutet noch lange nicht, dass ihr ursprüngliches hochauflösendes DSD-Signal über jede beliebige digitale Schnittstelle an einen externen DAC weitergegeben werden kann. Genau hier zeigen proprietäre Systemverbindungen ihren Sinn. CH-Link HD ermöglicht es, die digitalen Audiodaten innerhalb des CH-Systems kontrolliert vom Transport zum DAC zu übertragen. Damit kann der D1.5 das tun, was ein hervorragender Transport tun soll: die Disc lesen. Und der C1.2 kann das tun, was ein hervorragender DAC tun soll: die Daten verarbeiten und in ein analoges Signal verwandeln. Für Besitzer großer SACD-Sammlungen ist das alles andere als eine Nebensächlichkeit.

Und dann kommt bei CH Precision – ähnlich wie bei dCS – noch eine weitere Ausbaustufe hinzu: die externe Clock. Der C1.2 besitzt bereits intern eine hochentwickelte Zeitbasis. Über das entsprechende Clock-Sync-Modul lässt sich das System jedoch noch weiter ausbauen und an die T1 Time Reference anbinden. Damit wird aus dem DAC endgültig ein Bestandteil eines größeren digitalen Systems. Die T1 kann als zentrale hochpräzise Zeitreferenz dienen. Besonders interessant wird das in Verbindung mit einem D1.5 und C1.2. Sind beide Komponenten entsprechend ausgestattet, können Transport und DAC jeweils auf die externe Zeitreferenz synchronisiert werden. Das ist ein ausgesprochen elegantes Konzept. Der D1.5 kümmert sich um die Disc. Der C1.2 kümmert sich um Verarbeitung und Wandlung. Und die T1 gibt dem System die Zeit vor. Gerade hier wird sehr schön sichtbar, was wir im vorherigen Kapitel theoretisch über Jitter, Clocking und zeitliche Präzision diskutiert haben.

 

Wenn der Strom zur Komponente wird

Bei all den sichtbaren Unterschieden zwischen diesen Geräten gibt es noch einen Bereich, den man leicht übersieht, weil er zunächst wenig spektakulär erscheint: die Stromversorgung. Wir haben bereits darüber gesprochen, warum ein Netzteil bei einem DAC eine wesentlich größere Rolle spielt, als die geringe Leistungsaufnahme eines Digitalgerätes vermuten lassen würde. Es geht nicht darum, möglichst viele Watt zur Verfügung zu stellen. Ein DAC muss schließlich keine Lautsprecher antreiben. Entscheidend sind vielmehr Rauschen, Stabilität, Isolation und die Frage, wie wenig die unterschiedlichen Funktionsgruppen eines komplexen Digitalgerätes sich gegenseitig beeinflussen.

Gerade Wadax misst diesem Thema eine außerordentlich hohe Bedeutung bei. Das ist interessant, weil der Studio zunächst genau durch das Gegenteil zu faszinieren scheint: durch Integration. Streamer, DAC und beim entsprechenden Studio-Gerät sogar die Wiedergabe physischer Medien werden in einer außergewöhnlich kompakten Plattform zusammengeführt. Man könnte also meinen, die Idee des Studio bestehe vor allem darin, möglichst viel kompromissloses Digital High End in möglichst wenige Gehäuse zu bringen. Das stimmt auch. Aber Wadax lässt dem Besitzer die Möglichkeit, genau an einem der empfindlichsten Punkte noch erheblich weiterzugehen: bei der Stromversorgung. Mit dem externen Studio Power Supply erhält die Studio-Plattform eine zusätzliche Ausbaustufe, bei der die Versorgung des eigentlichen Audiogerätes mit erheblichem konstruktivem Aufwand aus dem Hauptgerät herausgelöst beziehungsweise ergänzt wird. Damit wird aus dem zunächst hochintegrierten Studio zunehmend ein modulares System.

Und gerade bei Wadax ist das keineswegs ein nachträglich hinzugefügtes Zubehörthema. Die Spanier betrachten die Stromversorgung als einen der fundamentalen Bestandteile ihrer gesamten Architektur. Digitale Verarbeitung, Clocking und D/A-Wandlung können schließlich nur so gut arbeiten wie die elektrische Umgebung, in der sie stattfinden. Das externe Netzteil soll deshalb nicht einfach „mehr Strom“ liefern. Es soll vor allem bessere Bedingungen schaffen. Weniger gegenseitige Beeinflussung. Geringeres Rauschen. Stabilere Versorgung der empfindlichen Schaltungsteile und eine konsequentere Trennung jener Bereiche, die innerhalb eines komplexen Digitalgerätes ansonsten zwangsläufig miteinander interagieren.

Das Ergebnis eines solchen Aufwandes sollte sich deshalb auch nicht primär in mehr Bass oder einem spektakuläreren Hochton zeigen. Wenn eine bessere Stromversorgung ihren Zweck erfüllt, erwarten wir etwas wesentlich Subtileres: mehr Ruhe, feinere dynamische Abstufungen, stabilere räumliche Beziehungen und vor allem eine bessere Erkennbarkeit jener sehr kleinen Informationen, die zuvor nicht unbedingt fehlten, aber weniger selbstverständlich wahrnehmbar waren. Das ist ein entscheidender Unterschied. High End bedeutet an dieser Stelle nicht unbedingt, mehr zu erzeugen. Es bedeutet häufig, weniger zu stören.

Auch CH Precision verfolgt diesen Gedanken mit außergewöhnlicher Konsequenz. Mit den externen Netzteilen der X-Serie bietet CH die Möglichkeit, empfindliche Komponenten von einer nochmals aufwendigeren externen Stromversorgung speisen zu lassen. Besonders das X1 External Power Supply zeigt sehr deutlich, welchen Stellenwert die Schweizer diesem Thema beimessen. Auch hier geht es nicht um Leistungsreserven im klassischen Sinne. Ein C1.2 benötigt keine gigantische Stromversorgung, weil er große Mengen elektrischer Energie verbrauchen würde. Der Aufwand dient vielmehr dazu, möglichst ideale Arbeitsbedingungen für die empfindlichen analogen und digitalen Schaltungsbereiche zu schaffen. Und damit fügt sich das externe Netzteil perfekt in die gesamte Philosophie von CH Precision ein.

Man kann mit einem C1.2 beginnen. Man kann ihn mit den für die eigene Anlage notwendigen digitalen Modulen konfigurieren. Man kann mit dem D1.5 die hochwertige CD- und SACD-Wiedergabe ergänzen. Man kann über CH-Link HD eine proprietäre digitale Verbindung zwischen Transport und DAC schaffen. Man kann mit der T1 Time Reference die zeitliche Referenz des Systems noch weiter optimieren. Und man kann mit einer externen X1-Stromversorgung auch die elektrische Versorgung auf eine nochmals höhere Ebene heben.

 

Und meine Favoriten?

Nach all den technischen Überlegungen, unterschiedlichen Konzepten und klanglichen Charakteren kommt irgendwann natürlich die Frage, der man sich nicht entziehen kann: Wenn sie alle so gut sind – welchen würde ich selbst nehmen? Nach mehr als 35 Jahren im High End sollte ich vielleicht gelernt haben, dieser Frage elegant auszuweichen.

Aber das wäre nicht ehrlich. Ich habe einen Favoriten.

 

Der MSB Cascade

Er ist innerhalb der hier betrachteten Geräte auch der teuerste. Das sollte man nicht verschweigen. Aber der Preis allein erklärt nicht, warum mich der Cascade so fasziniert. Es ist vielmehr die Summe seiner Eigenschaften – und die Art und Weise, wie MSB es geschafft hat, enorme technische Komplexität in einem erstaunlich kompakten und geradezu selbstverständlich wirkenden System unterzubringen. Schon physisch ist der Cascade für mich ein typisches Beispiel dafür, wie modernes High End aussehen kann. Keine monumentale Materialschlacht nur um ihrer selbst willen, kein Gerät, das allein durch seine Abmessungen beweisen möchte, wie wichtig es ist. Stattdessen eine vergleichsweise kompakte Architektur, allerdings mit einer Verarbeitung und konstruktiven Konsequenz, die unmittelbar erkennen lassen, in welcher Liga wir uns bewegen. Das Entscheidende passiert aber natürlich beim Hören.

Der Cascade ist für mich eine Entdeckungsreise. Und dieses Wort wähle ich ganz bewusst. Es geht nicht einfach darum, dass er mehr Details reproduziert. Auf diesem Niveau wäre „mehr Details“ ohnehin eine viel zu einfache Beschreibung. Es geht darum, dass Informationen plötzlich eine Bedeutung bekommen. Dinge, die vorher lediglich im Hintergrund vorhanden waren, werden Teil des musikalischen Zusammenhangs. Das Ausschwingen eines Instruments, eine minimale Veränderung der Stimme, die Akustik hinter einem Musiker oder die Art, wie sich zwei Instrumente im Raum voneinander lösen – all das wird nicht einfach deutlicher, sondern verständlicher. Dazu kommen jene Klangfarben, die ich bereits bei MSB beschrieben habe. Diese Kombination aus extremer Information und tonaler Differenzierung ist für mich eine der großen Stärken des Cascade. Er kann tief in eine Aufnahme hineinleuchten, ohne sie dabei auszubleichen. Besonders faszinierend wird der Cascade in meiner Erfahrung über Pro ISL in Verbindung mit einem Pink Faun Server. Genau hier zeigt das modulare Konzept von MSB, dass es weit mehr als eine praktische Spielerei ist. Die Verbindung zwischen Server und DAC wird zu einem Teil des Gesamtkonzeptes.

Die enge technische Abstimmung beziehungsweise Integration von Pink Faun und der MSB-Pro-ISL-Welt ist für mich dabei besonders interessant. Denn hier treffen zwei Hersteller aufeinander, die das Problem einer digitalen Quelle nicht einfach auf die Frage reduzieren, ob die Daten korrekt von A nach B gelangen. Ebenso wichtig ist, unter welchen elektrischen Bedingungen dies geschieht und wie konsequent Server und DAC voneinander isoliert werden können. Mit dem Pink Faun über Pro ISL gehört der Cascade für mich zu jenen digitalen Quellen, bei denen man sehr schnell aufhört, nach den üblichen audiophilen Kriterien zu suchen. Natürlich kann man analysieren, wie groß der Raum ist, wie präzise die Abbildung gelingt oder wie viele Details hörbar werden. Aber irgendwann verliert diese Art des Hörens ihren Sinn. Man beginnt, Aufnahmen herauszusuchen. Dann noch eine. Und noch eine. Nicht weil man den DAC testen möchte, sondern weil man wissen möchte, was auf dieser Aufnahme eigentlich noch alles steckt. Für mich ist das eine der schönsten Eigenschaften, die eine High-End-Komponente besitzen kann. Sie beendet die Neugier nicht. Sie erzeugt neue.

Demnächst kommt der neue „Palisade“ von MSB. Ebenfalls mit einem „Director“, aber keinem externen – sondern integriertem – Netzteil für den DAC. MSB verspricht 90% Klang für 60% Preis des Cascade….. das wäre dann ein wirkliches „Pfund“!

 

 

Der Wadax Studio

Der Wadax Studio fasziniert mich aus einem etwas anderen Grund. Wenn es in dieser Preisklasse überhaupt so etwas wie einen „No Brainer“ geben kann, dann ist der Studio für mich ein heißer Kandidat dafür. Natürlich muss man diesen Begriff angesichts des Preises mit einem gewissen Augenzwinkern verwenden. Wir sprechen schließlich immer noch über kompromissloses High End. Aber wenn man betrachtet, was Wadax in dieser Plattform zusammenführt, ergibt das Konzept ausgesprochen viel Sinn. Ein hervorragender Streamer, ein außergewöhnlicher DAC und dazu ein integriertes SACD-Laufwerk – und das alles in einem Gerät, dessen Verarbeitung dem technologischen Anspruch absolut gerecht wird.

Gerade das SACD-Laufwerk halte ich für wichtiger, als es in unserer heutigen Streaming-Welt zunächst erscheinen mag. Viele von uns haben über Jahrzehnte eine große Sammlung physischer Medien aufgebaut. Darunter befinden sich Aufnahmen und Masterings, die nicht zwangsläufig in derselben Form auf einem Streamingdienst verfügbar sind. Warum sollte man diese Sammlung plötzlich zur Vergangenheit erklären, nur weil Streaming bequemer geworden ist? Wadax beantwortet diese Frage sehr elegant: Muss man nicht. Man kann beides haben. Und man muss dafür nicht einmal einen zusätzlichen Transport, weitere Digitalkabel und ein weiteres Netzkabel in die Anlage integrieren.

Dazu kommt der Klang. Wenn ich Wadax zuvor als den vielleicht ausgewogensten Vertreter dieser Gruppe bezeichnet habe, dann zeigt der Studio sehr schön, was ich damit meine. Er versucht nicht permanent, mich mit einer einzelnen Fähigkeit zu beeindrucken. Er besitzt Auflösung, Dynamik, Klangfarben, Raum und musikalischen Fluss – aber keine dieser Eigenschaften scheint unbedingt beweisen zu wollen, dass sie wichtiger ist als die anderen. Das Ergebnis ist ein Klang, den ich tatsächlich als bezaubernd empfinde. Nicht spektakulär um des Spektakels willen. Nicht analytisch um der Information willen. Sondern ausgesprochen vollständig. Der Wadax Studio ist deshalb ein Gerät, das ich mir sehr gut in einer Anlage vorstellen kann, bei der man irgendwann einfach einen Haken hinter das Thema „digitale Quelle“ machen möchte. Aufstellen. Anschließen. Musik hören.

 

 

Der dCS Bartók 

Der dCS Bartók spielt preislich in einer anderen Region als ein MSB Cascade oder die großen Wadax-Lösungen. Und gerade deshalb halte ich ihn für eines der interessantesten Geräte in diesem gesamten Artikel. Denn der Bartók ist für mich der Einstieg in eine Welt, in der digitale Wiedergabe beginnt, einige ihrer traditionellen Grenzen hinter sich zu lassen. Man bekommt sehr viel von dem, was die dCS-Philosophie ausmacht: die enorme dynamische Fähigkeit, den Detailreichtum, die Geschwindigkeit, die aufwendige digitale Signalverarbeitung und die Erfahrung eines Unternehmens, das seit Jahrzehnten zu den prägenden Namen der digitalen Audiotechnik gehört. Dazu kommen Streaming, eine sehr umfangreiche digitale Funktionalität und – je nach Version beziehungsweise Ausstattung – ein wirklich guter Kopfhörerverstärker.

Natürlich gibt es oberhalb des Bartók bei dCS noch den Rossini, den Vivaldi und schließlich die absoluten Statement-Lösungen. Man kann sehr weit gehen, – muss man aber nicht. Denn bereits der Bartók öffnet die Tür. Vielleicht klingt es etwas pathetisch, aber für mich ist er tatsächlich eine Art Einstieg in das klangliche Nirvana von dCS. Nicht deshalb, weil danach nichts mehr besser werden könnte. Natürlich kann es das. Sondern weil ab diesem Punkt jene grundlegenden Eigenschaften hörbar werden, wegen derer dCS über Jahrzehnte seine besondere Stellung aufgebaut hat. Gerade für jemanden, der in diese absolute digitale Spitzenklasse einsteigen möchte, ohne sofort Preisregionen eines Kleinwagens oder darüber zu erreichen, bleibt der Bartók deshalb für mich eine außergewöhnlich interessante Lösung.

 

 

Und dann ist da CH Precision.

CH würde ich etwas anders betrachten als die übrigen Hersteller. Denn für mich liegt die vielleicht größte Stärke der Schweizer nicht in einem einzelnen Gerät. Sie liegt im System. Wenn mich jemand fragen würde, welchen Hersteller ich wählen würde, wenn ich eine vollständige High-End-Anlage möglichst konsequent aus einer Hand aufbauen möchte, wäre CH Precision für mich die erste Adresse. Denn es gibt nur sehr wenige Hersteller, die sowohl auf der digitalen als auch auf der analogen Seite auf einem derart hohen Niveau arbeiten. Das ist ein entscheidender Punkt. Ein außergewöhnlicher DAC ist eine Sache. Außergewöhnliche Vor- und Endverstärker sind eine andere. Beides zu entwickeln ist schwierig. Beides auf absolutem Weltklasseniveau anzubieten und dabei noch eine gemeinsame technische und klangliche Philosophie durch die gesamte Produktlinie zu ziehen, ist ausgesprochen selten.

 

 

Genau das macht CH Precision für mich besonders. Man kann mit dem C1.2 eine digitale Zentrale aufbauen, Streaming integrieren, mit dem D1.5 CD und SACD auf höchstem Niveau hinzufügen, die digitale Seite über CH-Link HD verbinden und das System schließlich mit der T1 Time Reference noch weiter ausbauen. Und dann geht es auf der analogen Seite mit Vor- und Endverstärkung innerhalb derselben Entwicklungsphilosophie weiter. Das bedeutet nicht, dass eine reine CH-Anlage automatisch besser sein muss als eine Kombination der besten Komponenten unterschiedlicher Hersteller. Gerade das Zusammenstellen solcher individuellen Systeme gehört schließlich zu den faszinierendsten Seiten unseres Hobbys. Aber eine Anlage aus einer Hand besitzt einen anderen Reiz. Die Entwickler kennen die Ausgangsimpedanz der Quelle. Sie kennen die Eingangsbedingungen der Vorstufe. Sie kennen die Gain-Struktur. Sie kennen die Clock-Architektur ihrer digitalen Komponenten. Sie bestimmen die Schnittstellen. Und sie entwickeln die Verstärker, die am Ende das Signal an die Lautsprecher weiterreichen. Man reduziert damit eine Variable, die im High End häufig unterschätzt wird: den Zufall.

 

 

Für mich ist CH Precision deshalb die erste Wahl, wenn jemand nicht unbedingt einzelne Komponenten verschiedener Hersteller sammeln, sondern ein in sich schlüssiges High-End-System aufbauen möchte. Und vielleicht zeigen gerade diese vier persönlichen Favoriten am besten, warum ich mich gegen eine Rangliste wehre.

Viel Text für ein spannendes Thema. Wir Hören und Sehen uns dann in unseren Studios in Starnberg!

 
 
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